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(de) Germany, Ruhr, Die Platform: Lebenszeit endlich noch flexibler verkaufen? (ca, en, it, pt, tr)[maschinelle Übersetzung]
Date
Mon, 15 Jun 2026 07:44:53 +0300
Die Forderung, die Arbeitszeit immer flexibler zu gestalten, gibt es
schon seit Jahren - und zwar von Arbeitgeber*innen und Gewerkschaften.
Auch das Modell, das im Koalitionsplan der jetzigen Regierung
vorgeschlagen wird, ist schon 2018 gefordert worden: Die tägliche
Höchstarbeitszeit von 8 Stunden soll durch eine wöchentliche
Höchstarbeitszeit ersetzt werden. Bei Ruhezeiten von 11 Stunden zwischen
Feierabend und Arbeitsbeginn wäre so ein Arbeitstag von 13 Stunden
denkbar. ---- Uns erwartet nicht einfach nur eine flexiblere Gestaltung
der Arbeitszeit sondern vor allem eine Erhöhung der Arbeitszeit durch
die Hintertür. Dabei steigt die geleistete Arbeitszeit schon seit mehr
als 20 Jahren stetig an. Was aber nicht steigt, ist der Reallohn, um die
immer teurer werdenden Lebensmittel und die explodierenden Mieten zu
zahlen. Hieran wird auch die Ausweitung der Arbeitszeit nichts ändern! 1
Während wir einerseits also immer mehr arbeiten und die Produktivität
seit Jahrzehnten so stark ansteigt, dass wir längst der gesamten
Weltbevölkerung einen angenehmen Lebensstandard ermöglichen könnten,
kommt von den erarbeiteten Werten immer weniger bei uns an! Die meisten
von uns kommen gerade so über die Runden oder sind froh, wenn sie am
Ende des Monats bei einer glatten Null auf dem Konto rauskommen. Auch
unsere Infrastruktur bröckelt weiter vor sich hin und es werden immer
mehr Schwimmbäder oder sogar Brücken geschlossen.
Trotzdem sollen "wir" den Gürtel enger schnallen für das, was uns als
das Allgemeinwohl verkauft wird, in Wahrheit aber der Profit der
Unternehmen ist. Kurzum, wir können uns nicht auf die herrschende
Politik verlassen, dass sich hieran auf kurz oder lang etwas ändern wird!
Zwar wird auch immer wieder behauptet, dass auch Arbeitende sich mehr
Flexibilität wünschen, in der Realität wird sie jedoch komplett
einseitig umgesetzt. Ganz zu schweigen davon, dass der Wunsch nach
flexibleren Arbeitszeiten eigentlich nur eine Anpassung daran ist, was
in unserer Gesellschaft eh schon normal ist! Wir müssen immer auf Abruf
stehen, und auch sofort zur Stelle sein, wenn uns die Chef*innen rufen,
die Mails noch vor und nach der Arbeit checken und oft (unbezahlte)
Überstunden machen, wenn "der Betrieb" es verlangt.
Wer würde denn bei komplett freier Wahl entscheiden, den Großteil der
Tageszeit so lange mit Arbeit zu verbringen, bis keine Zeit mehr für
Freund*innen, Familie, Hausarbeit, Pflege oder Freizeit bleibt? Der
allgegenwärtige Mangel an allem macht es ja schon schwer genug, Zeit
auch für die schönen Dinge im Leben zu haben: Es wird immer schwieriger,
Ärzt*innen zu finden (die auch selbst oft viel zu überarbeitet sind) und
einen freien Kita-Platz kann man, trotz der "Garantie" auf einen
solchen, komplett vergessen! Auch die Anfahrt zur Arbeit, egal ob mit
dem Auto oder dem Zug, kostet bei den zugestopften Straßen und der
chronisch verspäteten Bahn neben den eigenen Nerven auch immer mehr
Lebenszeit!
Und wo bleibt eigentlich die Flexibilität, wenn sich Arbeitende mal
krankmelden, Urlaub nehmen oder einfach weniger Wochenstunden machen
wollen? Häufig enden solche Versuche damit, dass sowieso schon
überarbeitete Kolleg*innen die liegengelassene Arbeit übernehmen, weil
nie genug Leute angestellt werden, um alle anfallenden Aufgaben zu
erledigen. Anstatt darin Entscheidungen der Unternehmen zu erkennen, die
Geld sparen (müssen), werden stattdessen die Arbeitenden dafür
angegangen, menschliche Bedürfnisse zu haben.
An Verkürzungen der Arbeitszeit wird hingegen selten gedacht. Wenn
Modelle wie die 4-Tage-Woche in Erwägung gezogen werden, dann immer mit
so großen Nachteilen verknüpft, dass sie keine wirklichen Verbesserungen
darstellen. So sollen wir dann entweder das Arbeitspensum von 5 einfach
an 4 Tagen durchziehen oder auf Geld verzichten. Also müssten wir uns
dann entweder an weniger Tagen noch kaputter machen, was durch einen
weiteren freien Tag sicherlich nicht ausgeglichen werden kann, oder wir
müssten halt mal ein paar Mahlzeiten auslassen, die wir uns nicht mehr
leisten können.
All das zum Wohle "unserer Wirtschaft." Nur komisch, dass der
Gesundheitszustand der deutschen Wirtschaft immer nur dann für uns
spürbar wird, wenn das Wachstum stagniert und wir für den
Wirtschaftsstandort auf Lohn und Freizeit verzichten müssen. Ganz zu
schweigen davon, dass wir keinerlei Entscheidungsmacht über "unsere
Wirtschaft" haben. Wir können sie weder umgestalten, noch aus ihr
aussteigen. Dass wir für den Reichtum unserer Unternehmen und den Erhalt
unserer Staaten arbeiten, scheint gesetzt. Es wird Zeit, dass wir uns
nicht mehr auf die nationalistischen Märchen einlassen, nach denen wir
angeblich mit unseren Chef*innen im gleichen Boot sitzen! Stattdessen
teilen wir die gleichen Interessen wie (indirekt) lohnabhängige Menschen
auf der ganzen Welt. Die Konkurrenz, die momentan zwischen uns besteht
und uns alle in unseren durch den Fortlauf der Geschichte konstruierten
Nationen in das gleiche Hamsterrad zwingt, ist nicht naturgegeben.
Wir müssen uns klarmachen, dass es keinen grundlegenden Unterschied
macht, ob Politiker*innen und Arbeitgeber*innen unsere Lebensrealität
verbessern wollen oder ob sie es nur vorgeben. Es ist klar, dass wir von
dieser Seite keine Besserungen erwarten können, alleine, weil Staaten
und Unternehmen ebenso wie die Arbeitenden in ständiger Konkurrenz
stehen. Die viel beschworenen "Sachzwänge" scheinen wie von Zauberhand
dafür zu sorgen, dass immer mehr unserer Zeit und Energie in immer
weiter wachsende Produktivität umgewandelt werden muss.
Trotz allem ist der Kampf um kürzere Arbeitszeiten nicht vergeblich. Wir
müssen uns wieder klar machen, was wir tun, wenn wir uns aus dem Bett
quälen, um zur Arbeit zu gehen: Wir bezahlen mit unserer endlichen
Lebenszeit für das "Privileg", überleben und weiter zur Arbeit gehen zu
können. Abgesehen davon, dass Arbeit unseren Tod oder zumindest
gesundheitliche Probleme auch gehörig beschleunigen kann. Diese Wut zu
akzeptieren ist der erste Schritt, um diese Verhältnisse nicht mehr
hinzunehmen.
Anstatt uns nur alleine aufzuregen, müssen wir uns austauschen, und zwar
mit allen Leuten in unserer Umgebung: Den Arbeitskolleg*innen bei der
Kaffeepause, denjenigen, mit denen wir beim Amt in der Schlange stehen,
unseren Mitschüler*innen auf dem Pausenhof, den anderen Eltern, die
gerade ihre Kinder aus dem Hort abholen.
Wir müssen uns da organisieren, wo unser Leben stattfindet. Anstatt auf
ausgehöhlte Forderungen der staatsnahen Gewerkschaften zu hoffen, müssen
wir unsere Ideen selbst entwickeln und umsetzen. Mit Druck von unten
statt erhoffter Wohltätigkeit von oben!
Von 47,7 Milliarden geleisteten Lohnarbeitsstunden in Deutschland im
Jahr 2004 stiegen die Arbeitsstunden bis 54,7 Milliarden im Jahr 2025.
Der Reallohn steigt allerdings nicht, denn dieser hat sich seit dem
starken Abfall von 4% im Jahr 2022 noch nicht erholt. So bekommen wir
jetzt gerade sogar weniger Geld für unsere Arbeitszeit, als wir noch vor
dem Beginn der Corona-Pandemie bekommen habe.
Quellen:
Aussagen über gestiegenes Arbeitsvolumen
Aussage über Reallohn
https://ruhr.dieplattform.org/2026/05/03/lebenszeit-endlich-noch-flexibler-verkaufen/
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