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{Info on A-Infos}
(de) 1. Mai, Spass dabei
From
i-afd_1@anarch.free.de (I-AFD/IFA Bremen - A-Infos.de)
Date
16 May 1998 15:05:00 +0200
Keywords
Jungle World,Wochenzeitung,Politik
Organization
I-AFD/IFA Gruppe Verden
Summary
Auch diesmal war die autonome 1. Mai-Demo ein faszinierendesPhaenomen.
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A - I N F O S N E W S S E R V I C E
http://www.ainfos.ca/
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The following article is a report about the "autonomous mayday
demonstration" in Berlin and the tactics of repression applied by Berlins
minister of the interior. The article which was written by an author, who
"lives in Berlin-Kreuzberg and participates in libertarian-autonomous
structures", was published in the current issue of 'Jungle World', a
weekly radical leftists german newspaper consisting of the former
undogmatic faction of the communist german daily 'Junge Welt'. Each issue
is published on the web under http://www.nadir.org/jungle_world/ and the e-
mail address of the paper is jungle.world@t-online.de
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Jungle World 13.Mai.98
*1. Mai, Spaß dabei*
*Auch diesmal war die autonome 1. Mai-Demo ein faszinierendes*
*Phänomen.*
Von Benjamin Kaminski
"Zum ersten Mal hab' ich die Bullen richtig rennen gesehen. Diesmal
haben sie nicht nur ausgeteilt, sondern auch gehörig eingesteckt",
begeistert sich ein jugendlicher Beteiligter der Straßenschlacht am 1.
Mai in Prenzlauer Berg. Natürlich fällt unter den Tisch, daß die
Polizei keine Stunde brauchte, um die Situation wieder in den Griff zu
bekommen. Aber für diese kurzen Stunden der Revolte leben wir.
Wie jedes Jahr stehen sämtliche politischen Akteure der Stadt
fasziniert vor dem Phänomen: Da wird mit minimaler Mobilisierung und
einfachsten Parolen ("Enough is enough") zur autonomen revolutionären
1.Mai-Demo aufgerufen. Und wie aus dem Nichts tauchen auf einmal 10
000 Jugendliche von 13 bis knapp über 20 Jahren auf. Die über
30jährigen verlieren sich in der Masse der Demo.
Diese Jugendlichen sind in ihrer Mehrheit auf keiner Demo mit
"korrekten Inhalten" wie zum Beispiel gegen das
Asylbewerberleistungsgesetz oder den Erwerbslosendemos anzutreffen.
Und doch sind sie überhaupt nicht unpolitisch. Zwischen der Demo der
stalinistischen Sekten um 13 Uhr auf dem Oranienplatz und der
hauptsächlich von der Antifaschistischen Aktion Berlin (AAB) und
autonomen Gruppen getragenen Demo um 18 Uhr ab Rosa-Luxemburg-Platz
können sie sehr wohl unterscheiden. Die diffuse Orientierung am eher
undogmatischen Flügel der Autonomen ist unübersehbar.
In diesem Rahmen wird auf die Gelegenheit zum Angriff und "Randale"
gewartet, und wenn sie sich bietet, auch genutzt. Daß dabei der
zwischen dem ComTech-Computerladen und der McPaper-Filiale gelegene An
& Verkauf auch mitgenommen wird, bringt die "KaderInnen" der Autonomen
seit Anbeginn zur Verzweiflung. Und treibt sie in eine beobachtende,
zuschauende Position. Wie eben auch mich. Fasziniert stehen wir
daneben und fragen uns wie Verliebte: Wo kommen sie nur her? Wo gehen
sie danach hin? Wie können wir sie morgen wiedersehen, und nicht erst
in 365 Tagen? Und wie können wir sie unserem Traumbild einer/s
politisch bewußten und gezielt handelnden Revolutionärin/s annähern?
Doch das Beste in diesem Jahr ist: die meist jugendlichen Akteure der
diesjährigen 1.Mai-Demo haben dem Berliner Innensenator Schönbohm die
erste richtige politische Niederlage seit langem beigebracht. Denn
Sieg oder Niederlage in der Politik bestimmen sich zum Glück nicht
nach militärischen, sondern politischen Kriterien. Und gemessen wird
an den von den Akteuren formulierten Vorgaben. Schönbohm hat dem
Bürgertum der Stadt "Ruhe und Ordnung" mittels eines harten
Durchgreifens und Zerschlagung der autonomen Szene versprochen. Dies
ist ihm nicht gelungen. Vielmehr hat er hart zugeschlagen, und
trotzdem ist es zu den "schwersten Krawallen seit Jahren" gekommen.
Jetzt fällt ihm nichts mehr ein, und entsprechend stottert er in der
"Berliner Abendschau" rum.
Anscheinend hatte die Polizeiführung zu viele Kräfte zur Verfolgung
der aus Leipzig zurückkehrenden Busse, in denen sie die
"AnführerInnen" der Autonomen vermutete, eingesetzt. Gleichzeitig
wurde den Einsatzleitern vor Ort im Prenzlauer Berg sofortiges
Einschreiten bei "jeder Straftat" befohlen. Doch dazu reichten die
Kräfte nicht. So gelang es den DemonstrantInnen, die Angriffe der
Polizei auf die Demo-Spitze zurückzuschlagen. Schönbohm kann die
geforderte Ware "Ruhe und Ordnung" nicht liefern. Ganz zu Schweigen
von einem Verschwinden der Autonomen. Als diffuses Milieu, aus dem
heraus jederzeit etwas passieren kann, sitzt es weiterhin als Stachel
im Fleisch der Stadt.
So dauert es keine 48 Stunden, bis in der Berliner Zeitung der
Rücktritt Schönbohms gefordert wird, "um weiteren Schaden für das
Ansehen der Hauptstadt abzuwenden". Die Gewerkschaft der Polizei (GdP)
widerspricht offen der Polizeiführung und berichtet von schöngeredeten
Verletztenzahlen (über 100 statt 17) und fühlt sich durch eine falsche
Polizeitaktik verheizt.
Der taz wird der Name des verantwortlichen Einsatzleiters gesteckt und
wer vor zwei Jahren auf seiten der Polizei den Einsatz zur
Walpurgisnacht versiebt hat. Die eher sozialdemokratische Fraktion in
der Polizei wittert Morgenluft. Was nur zeigt, wie angeschlagen
Schönbohms Position polizeiintern schon ist. Auch der Tagesspiegel
haut Schönbohm seine Überlegungen zum Verbot der autonomen
1. Mai-Demo um die Ohren. War für ihn vor einem Jahr ein Verbot des
Naziaufmarsches in Hellersdorf nicht völlig indiskutabel? Deswegen
wird er noch lange nicht zurücktreten. Aber sein Machtkonzept ist
offensichtlich am Anfang ihres Endes angekommen. Unter anderem besiegt
von jenen Autonomen.
Und die Demo selbst? Gemessen daran, daß es nicht viel mehr als ein
politisches "music-event" sein sollte, war sie ein Bombenerfolg. Seit
langem hat kaum eine Demo so viel Spaß gemacht. Der Lautsprecherwagen
auf einem 30-Tonnen-Tieflader brachte die Musik bestens rüber. Und es
ist einfach wunderschön, gemeinsam mit 10 000 Leuten in der Torstraße
in den Sonnenuntergang zu laufen. Von der Polizei wurde nicht weniger
als letztes Jahr in die Demo reingeknüppelt. Aber im Unterschied dazu
war diesmal die Stimmung und das Verhalten dagegen aus der Demo heraus
fundamental anders. Viel weniger verängstigt und viel widerspenstiger.
Enough is enough.
Der Autor lebt in Berlin-Kreuzberg und bewegt sich in
libertär-autonomen Zusammenhängen.
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