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(de) Germany, LIKOS: Die AfD lässt sich nicht aus sich selbst erklären - Redebeitrag (ca, en, it, pt, tr)[maschinelle Übersetzung]
Date
Wed, 16 Sep 2026 08:28:44 +0300
Redebeitrag auf der Kundgebung "Keine AfD-Kneipe in der Johannisstraße",
organisiert von der antifaschistischen Mitmach-Kampagne "Den Rechten die
Räume nehmen" am 21.08.2026. An der Kundgebung nahmen ca. 200 Leute
teil. --- Wir stehen hier heute vor der Johannisbierstube und
protestieren dagegen, dass der Wirt Markus Kemper der AfD seine Kneipe
für Vernetzungsabende und Stammtische gerne zur Verfügung stellt.
Sicherlich gibt es schönere Dinge, die man an einem Freitagabend machen
könnte. Ganz sicher gibt es bessere Kneipen, in denen man sein Bier
trinken kann. Denn Markus Kemper beherbergt nicht nur gerne stramme
Patrioten, er ist selbst AfD-Mitglied und kandidiert für diese für den
Stadtrat.
Dass viele Osnabrücker:innen keinen Bock auf eine rechte Kneipe in ihrer
Nachbarschaft haben, zeigt nicht nur unsere heutige Kundgebung. In den
vergangenen Jahren haben wir es als Kampagne und dank des Einsatzes der
zahlreichen Antifaschist:innen immer wieder geschafft, dass die AfD ihre
Räumlichkeiten für ihre Versammlungen verloren und ihre kläglichen
Infostände in der Stadt mit lautem Gegenprotest zu rechnen hatten.
Darauf können wir stolz sein, ohne, dass man sich ausruhen kann. Nichts
anderes zeigt uns die Tatsache, dass Kemper aus den Erfahrungen anderer
Wirte nicht gelernt hat und die AfD vor die Tür setzt. Nun ist er selber
Mitglied dieser extrem rechten Partei. Das erschwert es vielleicht ihm
näher zu bringen, dass auch die anderen Wirte mit dem Bereitstellen
ihrer Räumlichkeiten für die AfD schlecht gefahren sind, ändert aber
nichts an unserem Einsatz. Jemanden zu überzeugen, der sich auf Telegram
über "queere Ampelmännchen" aufregt, ist vielleicht auch gar nicht so
einfach...
Unser Fokus sollte aber auch nicht allein auf die Kneipe und den Wirt
gerichtet werden. Antifaschistische Praxis muss es auch sein, dass wir
noch viel mehr Leute über das rechte Treiben in der Johannisbierstube
informieren und den daraufhin oft geäußerten Unmut weiter politisieren
und einander dazu bringen aktiv zu werden. Denn eine Haltung gegen die
AfD für sich persönlich zu haben, ist zwar richtig, sie muss sich aber
auch sichtbar äußern. Je präsenter, wahrnehmbarer und ansprechbarer wir
werden - für uns und weite Teile der Osnabrücker Stadtgesellschaft -
desto enger wird der Raum, den sich die AfD versucht zu nehmen.
Widerspruch braucht es im Alltag, auf der Arbeit, an der Theke. Immer
und überall rechten Parolen zu widersprechen, den Rechten ganz konkret
gegenüber zu treten und ihnen die Räume und damit die Möglichkeit der
Organisierung zu nehmen und für eine freie, emanzipatorische
Gesellschaft einzutreten, ist unsere Pflicht. Die Pflicht einer und
eines jeden.
Denn wenn dies nicht geschieht, fühlen sich die Faschos bestärkt, treten
dominanter und selbstsicherer auf und setzen ihre Ideologie in die Tat
um. Man kann, ja man muss hierauf einwirken. Ihnen muss von uns allen
klar gemacht werden, dass ihr Handeln Konsequenzen hat - und das
frühzeitig. Wir können uns nicht den vermeintlichen Luxus erlauben, zu
glauben, dass wir in Osnabrück keine Rechten hätten und sich ausruhen.
Dabei auf den Staat oder die Bullen zu vertrauen, ist schlicht
fahrlässig, zu kurz gedacht und schiebt die eigene Verantwortung, die
man für die Gesellschaft hat, einem Staat und seiner Exekutive zu, die
doch selbst Teil des Problems und nicht dessen Lösung ist.
An diesem Wochenende jährt sich zum 34 mal das Pogrom von Rostock
Lichtenhagen. Viele, die hier heute stehen und protestieren, waren zu
jung, um dass, was dort geschah mitbekommen zu haben. Über mehrere Tage
griffen im August 1992 organisierte und unorganisierte Faschos, aber
auch vom nationalen Taumel der Wiedervereinigung ergriffene Bürgerinnen
und Bürger das Sonnenblumenhaus in Rostock Lichtenhagen an. In diesem
Haus waren vietnamesische Vertragsarbeiter:innen samt ihrer Familien
untergebracht. Viele Menschen, die Anfang der 1990er Jahre in
Deutschland Asyl suchten, wurden nicht adäquat untergebracht, von
Städten, Kommunen und dem Land sich selbst überlassen und sahen sich
gezwungen draußen unter freiem Himmel zu schlafen, da man ihnen eine
feste, menschenwürdige Bleibe nicht bereitstellte.
Rechte Parteien und hetzerische mediale Berichterstattungen feuerten den
Rassismus der deutschen Gesellschaft in diesen Jahren immer weiter an,
so auch in Rostock. Die Hetze, die sich in den Reden und Artikeln fand,
entlud sich dann gezielt zwischen dem 22. und 26 August gegen die
Menschen in und um das Sonneblumenhaus, Molotov-Cocktails flogen,
Menschen wurden durch die Flammen und auf das Haus fliegende Steine auf
das Dach getrieben. Nur durch ein Wunder starb bei diesem Pogrom
niemand, anders als bei den rechtsextremen, rassistischen Anschlägen in
den westdeutschen Städten Mölln, Lübeck und Solingen 1992/93 bei welchen
insgesamt 18 Menschen starben und viele schwer verletzt wurden.
Schlimmeres wurde in Rostock Lichtenhagen nicht durch die Bullen zu
verhindern versucht, diese zogen sich vor dem rechten Mob und den ihm
applaudierenden 3000 Bürger:innen zurück. Antifas fuhren u.a. aus
Hamburg und Berlin nach Rostock, stellten sich vor das Haus, drängten
Faschos immer wieder zurück, um anschließend von den Cops gejagt und
eingesperrt zu werden.
Jetzt kann die Situation Anfang der 1990er nicht einfach mit der
heutigen gleichgesetzt werden, teilweise sieht es sogar düsterer aus.
Mit der AfD haben wir eine faschistische Partei, die sich etabliert hat
und weltweit haben wir es mit einer Zunahme rechter Politik und
reaktionärer Bewegungen zu tun.
Damals wie heute sind nicht nur die Pogrome, Brandanschläge und
faschistischen Angriffe allein in den Blick zu nehmen, die Umstände und
Verhältnisse, in denen diese auftraten und -treten, dürfen nicht
ausgeblendet werden. Rostock Lichtenhagen voraus ging massive mediale
Hetze, das Asylrecht, welches in der BRD als Nachfolgestaat des
NS-Staates noch recht liberal war, war nicht mehr gewollt. Der Fordismus
war am Ende, Menschen migrierten vermehrt aus bitterer Armut. Vor allem:
Mit dem Ende des Realsozialismus entfiel schlicht der Hauptgrund für das
Asylrecht. Die BRD musste sich weder weiterhin als fortschrittlich
darstellen, noch musste man vermeintliche oder tatsächliche Gegner:innen
der Systemkonkurrenz aufnehmen, diese war Geschichte.
Die bis dahin schärfsten Einschränkungen des Asylrechts waren aber auch
eine Reaktion des Staates auf die rechtsextremen Pogrome und
Brandanschläge. Diese verschärften Einschränkungen waren bewusste
Entscheidungen, wissentlich tat die schwarz-gelbe Koalition den
Forderungen der Rechten und Patrioten de facto so Genüge. Die Taten
selbst fanden damals und finden auch heute also nicht im luftleeren Raum
statt. Es ist neben tatsächlichen Krisen, die vor allem unsere Klasse,
die Lohnabhängigen am härtesten treffen auch das gesellschaftliche
Klima, der Verschiebung des Sagbaren, das Wegschauen und Normalisieren
rechter Aussagen und Politiken, die Angriffen auf Menschen den Weg
bereiten. Anschläge und Pogrome sind die Folgen all dessen.
In der AfD nun also alleinig das Problem der bestehenden Verhältnisse zu
sehen, würde bedeuten genau diese verkürzte Perspektive einzunehmen. Die
AfD ist ein Ausdruck der Verhältnisse und Krisen, deren wir
gegenüberstehen. Nicht zufällig liegt die globale Wirtschaftskrise
2007/2008 fünf Jahre vor der Gründung der AfD. Das Glücksversprechen des
Neoliberalismus blamierte sich und allen wurde in Erinnerung gerufen,
wie bürgerliche Parteien und Regierungen die Auswirkungen auf unsere
Klasse abwälzen. Die Gründung der AfD, welche zunächst vor allem EU und
eurokritisch auftrat war eben kein Bruch mit den bestehenden
Verhältnissen. Vielmehr ging es den Gründern der AfD von Beginn an
darum, "ihre Nation" zu stärken, das dem Kapitalismus eigene "Hauen und
Stechen" durchzusetzen, egal wie viele Menschen dabei unter die Räder
kommen. Damit stehen sie übrigens nicht außerhalb der sogenannten
demokratischen Mitte. Die derzeitige Politik der Bundesregierung macht
sich doch sehr gut darin genau dies heute umzusetzen. Seien es Angriffe
auf Menschen, die in Teilzeit arbeiten, die hier Schutz und Asyl suchen
oder Rentner:innen und zukünftige Rentner:innen. All diese Angriffe auf
unsere Klasse damit zu begründen, CDU, SPD oder welche Partei nun gerade
in der Regierung ist würden von der AfD zu diesem Handeln getrieben,
schiebt dabei die eigene Verantwortung nur von den politischen
Entscheidungsträgern und lässt die AfD als einzige Opposition
erscheinen. Die Welt war keine gute, Deutschland keine gute Nation ohne
die AfD - das ist platte Ideologie und dennoch ist es richtig und
notwendig sich gegen die AfD grade zu machen. Denn, 1. dass es mit der
AfD in der Regierung für Queere, Migrant:innen, Arme und Obdachlose noch
schlimmer wird dürfte allen klar sein. Sowohl Regierung als auch AfD
nutzen gerade den Hebel marginalisierte Gruppen anzugreifen, um
praktisch, in der Konsequenz so etwas wie Klassensolidarität zu
untergraben. Niemand hat hier weniger, weil Menschen Rente bekommen oder
irgendwo eine Asylunterkunft aufgemacht wird 2. Gerade weil das Angebot
der AfD eines ist, welches durchaus abstrakte Wut auf diese Verhältnisse
politisiert muss die AfD als falsche, als Scheinopposition zu diesen
Verhältnissen entlarvt werden. Das Angebot der AfD für Menschen ist
keine materielle Verbesserung, sondern den sozialen Abstand zu
vergrößern. "Es gibt Leute unter dir auf diesen kannst du herumtrampeln"
könnte man runtergebrochen sagen. Wenn dem so ist, dann ist es für eine
Linke eine vollkommen falsche Strategie, die Wut und den Hass an sich zu
verteufeln, vielmehr ginge es darum, der AfD das Wasser abzugraben. Das
geht am besten in konkreten sozialen Auseinandersetzungen: Streiks,
Wohnungskämpfen und damit entlang von politischer Organisierung entlang
von Klasse und Interessen. Davon will die AfD mit ihrem Programm a la
"Volk gegen Elite" nichts wissen. Bei ihnen gibt es keine Klassen.
Hier nun also an den Staat zu appellieren und diesen zu bitten die AfD
zu verbieten, offenbart nur die Blindheit vor den Verhältnissen, dem
Kapitalismus und bürgerlichen Regierungen, die AfD, Vereinzelung,
Entsolidarisierung, Reaktion und Rechtsentwicklung doch begründen. Oder
anders: Die AfD ist nicht aus sich selbst zu erklären und deswegen auch
nicht für sich alleine zu bekämpfen.
Deshalb, zu unserem eigenen Wohle, dem Wohle unserer Communities, dem
Wohle unserer Kolleg:innen und Freund:innen müssen wir selbst aktiv
werden. Dieses Engagement darf dabei kein einmaliger Besuch einer
Kundgebung sein, so sehr wir uns freuen euch hier alle zu sehen. Nur
kollektiv, nur stetig, widerständig und organisiert ist den
Verhältnissen und der AfD langfristig der Garaus zu machen. Sein Kreuz
in drei Wochen nicht bei der AfD zu machen, heißt noch lange kein gutes
Leben für alle. Schließt euch der Kampagne an und organisiert euch, seid
solidarisch und herzlich zueinander. Kampf der AfD bedeutet auch sich in
Zusammenhängen, Gruppen und Strukturen einzubringen, in denen
gemeinschaftlich nicht nur entschlossen rechte Resonanzräume
zurückgedrängt und versucht wird diese zu verunmöglichen, sondern
Vereinzelung und Entsolidarisierung entgegenzuwirken.Dafür sind wir
heute und jeden anderen Tag hier. Auch an der Theke.
Werden wir mehr, werden wir laut und kämpfen wir entschlossen! Antifa in
die Offensive! nieder mit der AfD! Für das gute Leben für alle!
<-Kundgebung "Kein Mensch ist Freiwild" - Redebeitrag
https://likos.noblogs.org/2026/08/22/die-afd-laesst-sich-nicht-aus-sich-selbst-erklaeren-redebeitrag/
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