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(de) Germany, Die Platform: Behinderung im Kapitalismus (ca, en, it, fr, pt, tr)[maschinelle Übersetzung]

Date Fri, 14 Aug 2026 07:17:51 +0300


Anmerkung: Menschen mit Beeinträchtigung haben verschiedene Gründe für ihre Selbstbezeichnung. Wir nutzen hier die Formulierung "Die Person wird behindert/Mensch mit Beeinträchtigung"/"behinderte Menschen", um deutlich zu machen, dass Behinderung durch gesellschaftliche Strukturen entsteht. --- Aktuell protestieren viele Behindertenaktivist*innen gegen die Reform des Behindertengleichstellungsgesetzes. Diese ist vollkommen unzureichend und zeigt uns, was Inklusion in dieser Gesellschaft wirklich bedeutet: Sie darf nichts kosten.

Behinderung ist ein Spiegel der Gesellschaft: Menschen mit Beeinträchtigung haben ein deutlich höheres Armutsrisiko und sind häufiger arbeitslos. Sie sind nicht benachteiligt, weil sie "anders" sind, sondern weil Leistung, Wettbewerb und wirtschaftlicher Nutzen den Maßstab gesellschaftlicher Teilhabe bilden. Im Kapitalismus trifft sie das doppelt: Höhere Lebenshaltungskosten für Assistenz, Hilfsmittel oder barrierefreien Wohnraum - und gleichzeitig Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt. Wer nicht oder eingeschränkt arbeiten kann, ist auf staatliche Unterstützung angewiesen.

Die sozialstaatliche Unterstützung hat v. a. folgende Ziele: Soziale Sicherung und Wahrung des sozialen Friedens, möglichst geringe dauerhafte Versorgungskosten und (Wieder-)Herstellung von Arbeitsfähigkeit. Der Staat befindet sich dabei in zentralen Spannungsfeldern: Zwischen Hilfe und Kontrolle, denn wer Leistungen erhält, wird auch bewertet, kategorisiert und kontrolliert. Zwischen Menschenrechten und Haushaltszwängen, denn die UN-Behindertenrechtskonvention (BRK; 2006) stärkt formal Rechte von behinderten Menschen, doch deren Umsetzung scheitert immer wieder an Finanzierungsfragen. Und zuletzt zwischen dem dort formulierten Ideal der "Inklusion" und dem Nützlichkeitsprinzip im Kapitalismus.
Das Ergebnis: Der Sozialstaat passt Menschen an die Gesellschaft an - nicht die Gesellschaft an unterschiedliche Bedürfnisse.

Das zeigt sich im Aktivierungsparadigma: Wer dem Ideal des eigenverantwortlichen, sich selbst optimierenden Individuums nicht entsprechen kann, wird abgewertet. Das Bundesteilhabegesetz (2016) enthält explizite Sparmaßnahmen und fordert Eigenverantwortung in einem Ausmaß, das zu Leistungskürzungen führen kann. Die Ökonomisierung der Behindertenhilfe zeigt sich in Kürzungen bei Personal und Angeboten: Klient*innen werden in Bedarfsgruppen eingestuft und standardisiert statt bedürfnisorientiert gefördert. Die Folge ist eine Zwei-Klassen-Versorgung: Die "Fitten" bekommen Empowerment und Selbstbestimmungsangebote, die "nicht Aktivierbaren" bekommen Verwahrung, Fremdbestimmung und Unsichtbarkeit.

Auch die Idee, Menschen mit Beeinträchtigung als "Kund*innen"zu behandeln, die für ihre Unterstützung selbst zahlen "dürfen", klingt nach Autonomie - ist aber problematisch, denn wer kein Geld hat, ist kein attraktiver Kunde.

Rund 300.000 Menschen arbeiten in Werkstätten ohne Arbeitnehmer*innenstatus und damit ohne Arbeiter*innenrechte - für durchschnittlich 225 EUR im Monat. Dabei produzieren sie echte Waren und Dienstleistungen für den regulären Markt. Die Werkstätten werden staatlich gefördert und Unternehmen können durch Aufträge an Werkstätten ihre gesetzliche Beschäftigungspflicht teilweise erfüllen, ohne behinderte Menschen direkt einstellen zu müssen - sie dienen also als subventionierte Billiglohnkräfte.
Werkstattträger betonen, der Fokus liege auf Förderung, nicht auf Produktion. Doch das propagierte Ziel - die Vermittlung auf den ersten Arbeitsmarkt - funktioniert nicht: Jährlich schaffen gerade mal ca. 80 Menschen diesen Übergang. Werkstätten und "Förder"schulen simulieren Normalität -sie setzen den gesellschaftlichen Wert (tägliche beschäftigung, Arbeit als guter Beitrag des Einzelnen, etc.) von Arbeit durch, ohne Unabhängigkeit von sozialstaatlicher und familiärer Unterstützung oder gesellschaftliche Integration zu ermöglichen. Diese Maßnahmen schaffen einen Parallelbereich, der abseits des allgemeinen Arbeitsmarkts und des übrigen gesellschaftlichen Lebens existiert - nicht als Brücke dorthin, sondern als dauerhafter Ersatz. Die UN-BRK hat daran wenig geändert: Die Zahl der Werkstattbeschäftigten ist zeitweise sogar gestiegen.

Menschen mit Beeinträchtigung werden oft abgewertet, weil ihre Behinderung als individuelles Defizit interpretiert wird. Diese Diskriminierung ist kein individuelles Vorurteil: Die Abwertung nicht-nützlicher Menschen hat eine strukturelle Basis. Bloße Antidiskriminierungspolitik kann die materiellen Ursachen der Ungleichheit nicht beseitigen.

Integration bedeutet, dass behinderte Menschen oder Migrant*innen an das bestehende System angepasst und eingegliedert werden sollen. Im Gegensatz dazu wird der Begriff "Inklusion" teilweise auch von Antikapitalist*innen genutzt, um zu beschreiben, dass Strukturen an unterschiedliche Bedürfnisse angepasst und die Gesellschaft von Anfang an vielfältig gestaltet werden sollten. Hierbei wäre Unterschiedlichkeit Normalität und Menschen müssten sich gar nicht erst integrieren, weil die Strukturen wandelbar wären. Allerdings werden beide Begriffe in der Realität oft synonym verwendet: Inklusion oder Teilhabe meinen meist nur Eingliederung in den Markt.

Solange die Lebensführung und Teilhabe von Menschen von der Verfügung über Geld - also für die meisten Menschen von der Erwerbsfähigkeit - abhängen, können keine grundlegenden Verbesserungen der Situation von Menschen mit Beeinträchtigung entstehen.
Sozialstaatliche Maßnahmen und Reformen werden die gesellschaftlichen Maßstäbe nicht verändern. Für eine wirklich inklusive Gesellschaft ist ein revolutionärer Bruch mit diesem System nötig.

Für die soziale Revolution!

https://www.dieplattform.org/2026/07/06/behinderung-im-kapitalismus/#more-3649
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