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{Info on A-Infos}
(de) Prozess ROS/Marini: die Kronzeugin hat "gesprochen"
From
Freddy Krueger <freddy@mail.nadir.org>
Date
Wed, 11 Feb 1998 23:57:59 +0100
Organization
Arbeitsscheue BombenlegerInnen
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A - I N F O S N E W S S E R V I C E
http://www.ainfos.ca/
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Prozeßbericht vom 9.2.1998 - ROS/Marini gegen AnarchistInnen: ...wir
nehmen dieses lange Schweigen zur Kenntnis
"Wir nehmen dieses lange Schweigen zur Kenntnis" - Dies war einer der
Abschlußsätze eines Anwaltes gegenüber dem Gerichtsvorsitzenden am
Ende der Anhörung von Montag, 9. Februar 1998.
An diesem Tag wurde die "Pentita" (Reuhige Kronzeugin - A.d.Ü.) in
den ZeugInnenstand gerufen, und wir müssen sagen daß dieser Spruch
bestens die Stimmung beschreibt, die sich zwischen den Anwesenden im
Bunkergerichtssaal des Foro Italico im laufe dieser Verhandlung
breitgemacht hat, von dem wir hier berichten.
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- Verhandlung vom Montag, 9.2.1998 -
---
Die ZeugInnenanhörungen im Prozeß Marini gehen weiter, zur Zeit von
Seiten der Anklage. Heute fand eines der wohl wichtigsten Verhöre
statt, da es die "Pentita" Mojdeh Namsetchi war, die sich an diesem
Morgen im Gerichtssaal eingefunden hatte um dem Staatsanwalt Rede und
Antwort zu stehen. Nächsten Montag (16.2.) wird sie dann von der
Verteidigung verhört.
Genau genommen hat die Namsetchi eben das Bild abgegeben, das sich
bereits alle von ihr gemacht hatten, also eine Person die sich an
wenig oder nichts erinnert. Als sie dem Staatsanwalt übergeben wurde,
begann sie zögerlich davon zu sprechen, wie sie die verschiedenen
Angeklagten und anarchistischen GenossInnen kennen gelernt hat -
zwischen tausend "kann mich nicht erinnern", "weiß ich nicht mehr"
und den Einwürfen des Staatsanwaltes - und wie es dazu gekommen sei,
daß sie in diese angebliche "ORAI" (Der Name der angeblichen
bewaffneten Bande - A.d.Ü.) eingetreten sei. Als Antwort gab die
Namsetchi an, daß der Beginn ihre Beziehung zum Tesseri gewesen sei,
und sie darüber die anderen GenossInnen kennen gelernt habe, die sie
jetzt in diesem Prozeß belastet eine subversive Vereinigung und eine
bewaffnete Bande gebildet zu haben. Sie hat dabei die Gegebenheiten
dargelegt, die in diesem Zusammenhang am wichtigsten scheinen
könnten.
Da sie eine "Pentita" ist, ist auch sie wegen diverser Straftaten in
diesem Prozeß angeklagt, unter anderem einiger Banküberfälle. Wir
erinnern daran, daß die Namsetchi sich an nichts erinnern kann, was
diese Überfälle betrifft, sie erinnert sich nicht mehr an ihre
Aufgaben usw. usf.
Das Verhör hat sich dann mit langen Schweigephasen und "weiß nicht
mehr" hingezogen, es war so absurd und surreal daß mensch sich wie in
einem Kinofilm vorkam. Nach einigen Stunden begann Christos
Stratigopulos aus seinem Käfig heraus gegen diese Farce zu
protestieren. Der Richter hat dann die Verhandlung unterbrochen und
angeordnet, Christos zu entfernen; als er in den Gerichtssaal zurück
kam hat er sich verständnisvoll gegeben, Christos' Entschuldigung
angenommen und ihm erlaubt, im Saal zu bleiben.
Der Prozeß ging dann genauso weiter: Die Namsetchi, die sich an
nichts erinnern konnte, und Marini, der das Verhör mit
Suggestivfragen, die die Antwort bereits enthielten, weiter bestritt.
Die AnwältInnen der Verteidigung haben sich rigoros gegen dieses
gesetzlose Verhalten des Staatsanwaltes gestellt, der ganz dreist der
"Pentita" die Antworten in den Mund legte. Aber, sobald der
Gerichtsvorsitzende oder der Richter einen Punkt vertiefen wollten,
antwortete die Namsetchi nach langem Schweigen "weiß nicht mehr". In
dem Wortgefecht, das es deshalb gab, hat sich der Staatsanwalt Marini
aufgeregt und gezeigt was er wirklich ist indem er mit den Fäusten
mehrmals auf den Tisch schlug und dabei brüllte, das er so nicht
arbeiten könne.
Es ging weiter indem über die Delikte, derer die Namsetchi angeklagt
ist, also insbesondere die Banküberfälle, gesprochen wurde. Es gab
einen Zeitpunkt, an dem Marini von einem angeblichen Drohbrief
sprach, den Carlo Tesseri an die Namsetchi geschickt haben soll...
Marini hat diesen vorgeführt und es handelte sich um eine Postkarte,
auf dessen Vorderseite ein Bild von Ulrike Meinhof war mit dem
Aufdruck "Ihr werdet für alles bezahlen", während auf der Rückseite
"Carlo, Carlo, Carlo, Carlo [...] " Stand. Die Verteidigung des
Tesseri hat beantragt, die Karte als Liebesbrief in die Akten
aufzunehmen.
Zum Ende der Verhandlung wurde zu einem anderen Punkt übergegangen,
auf dem das Konstrukt von Marini aufbaut, sprich zur Organisation
(ORAI) -- über welche die Namsetchi nichts (mehr) wußte, trotz der
Anstrengungen des Staatsanwaltes. Sie konnte sich nicht mehr an die
Theorie der zwei Ebenen erinnern, die öffentliche und die
konspirative Ebene, auch nicht in welcher Art die Organisation
vorgegangen sein soll... Sie konnte sich an absolut nichts erinnern.
Marini suggerierte ihr, daß die Versammlungen in den "besetzten
Zentren" die öffentliche Ebene seien und die Banküberfälle die
geheime. Diese Pantomime wurde dadurch abgeschlossen, als der Anwalt
der zivilen Nebenklage das Wort bekam und der Namsetchi zwei Fragen
stellte; auch auf diese hat die "Pentita" nicht geantwortet. Sie
wurde tatsächlich gefragt, welchen Charakter diese Organisation habe,
welches politische Muster sie verfolge -- und die Namsetchi wußte
NICHT "anarchistisch" zu antworten, sie hat sich im unzähligsten
langen Schweigen verloren.
Als die Anhörung der Namsetchi beendet war, ist dem Marini
aufgefallen wie enttäuschend der Eindruck von der "Pentita" war, und
er hat sich beim Gerichtsvorsitzenden beschwert daß sie angefeindet
und eingeschüchtert worden sei, obwohl er der einzige war, der
rumgebrüllt hat. Er hat lamentiert, daß das eine Trennwand, die sie
vor den Blicken des Publikums hätte schützen müssen nicht richtig
stand (das Ding stand so, daß die Angeklagten in den Käfigen sie
nicht sehen konnten, dafür aber das Gericht und der der Staatsanwalt,
die zivilen Nebenkläger und die AnwältInnen der Verteidigung konnten
sie von der Seite sehen... Das Publikum, soweit es sich bemühen kann
in diesem Bunkergerichtssaal überhaupt etwas zu erkennen, wird ca.
100 Meter von dem Geschehen entfernt gehalten, und wenn es etwas
besonderes sieht dann im Fernseher der die Videoaufnahme der
Verhandlung zeigt); der Vorsitzende hat ihm nicht zugehört und die
Verhandlung auf nächsten Montag vertagt.
Es war wirklich eine absurde Anhörung, die die bekannte informative
Note der ROS absolut untermauert, in der die Rede von einer psychisch
labilen Person ist, die zu Ermittlungszwecken gelenkt werden kann.
Wir können sagen daß diese Person sich genauso entpuppt hat, wie sie
in diesem Dokument beschrieben wurde, daher verweisen wir alle auf
die nächste Anhörung, auf das Verhör durch die AnwältInnen der
Verteidigung, während welchem die "Pentita" sogar zusammenbrechen
könnte. Da sie heute auf die Fragen ihrer befreundeten Seite schon
keine Antworten wußte, werden wir sehen was geschieht wenn sie von
den 8 AnwältInnen ins Kreuzverhör genommen wird.
Der Termin: Montag 16.2.1998 um 9:00 im Bunkergerichtssaal des Foro
Italico in Rom (Die Verhandlungen sind Öffentlich).
---
Übersetzung: Solidaritätskomitee Italien
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rechtschreibfehler und grammatikalisch wirre konstruktionen sind
beabsichtigt und dienen der Belustigung.
Neuste Infos zum Stand der Repression gegen AnarchistInnen in
Italien: http://www.tao.ca/~lgh/italien/index.html
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